Ein Herzliches Hallo!
In unserem ersten Blogbeitrag haben wir erklärt, was digitale Souveränität bedeutet, warum sie für Unternehmen heute eine strategische Säule der IT-Security ist und wie europäische Initiativen wie GAIA-X, NIS2 oder der Cyber Resilience Act (CRA)Unternehmen unterstützen, ihre digitale Unabhängigkeit zu stärken.
In diesem Beitrag bauen wir darauf auf und werfen einen Blick auf die reale Lage in Europa: Welche Risiken bestehen derzeit für Unternehmen, Behörden und Organisationen? Wie stark sind wir noch von globalen Anbietern abhängig – und welche konkreten Fälle zeigen, dass digitale Abhängigkeit im Ernstfall echte Gefahren birgt?
Digitale Souveränität ist nämlich nicht nur ein theoretisches Konzept. Mehrere Ereignisse der letzten Jahre zeigen deutlich, dass Abhängigkeiten von führenden internationalen Technologiekonzernen nicht nur bestehende Prozesse beeinflussen, sondern im Extremfall sogar die Arbeitsfähigkeit ganzer Institutionen bedrohen können.
Die zentralen Risiken europäischer Organisationen
Viele europäische Organisationen sind nach wie vor auf internationale Cloud- und Softwareanbieter angewiesen. Diese Abhängigkeit kann Spannungen mit europäischen Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen erzeugen. Besonders relevant ist die Frage, unter welchen rechtlichen Rahmenbedingungen Anbieter Daten herausgeben müssen – unabhängig davon, wo die Daten physisch gespeichert sind.
Ein prominentes Beispiel sind US-Anbieter, die unter bestimmten gesetzlichen Vorgaben Daten an Behörden weitergeben müssen, selbst wenn diese in Europa liegen. Solche Situationen können zu struktureller Rechtsunsicherheit führen und für Unternehmen ein erhebliches Compliance-Risiko darstellen.
Hinzu kommt, dass souveräne Alternativen noch nicht flächendeckend verfügbar oder mit hohen Kosten und technischem Aufwand verbunden sind. Gerade kleine und mittlere Unternehmen stehen vor der Herausforderung, die steigenden regulatorischen Anforderungen zu erfüllen, ohne ihre wirtschaftliche Flexibilität zu verlieren. Auch die Governance vieler Cloud-Services bleiben undurchsichtig: Wer hat tatsächlich Zugriff auf die Daten? Wer steuert kritische Updates oder Sicherheitsmechanismen?
Diese Herausforderungen sind kein theoretisches Risiko – sie zeigen sich bereits in konkreten Fällen, die verdeutlichen, warum digitale Souveränität in Europa so dringend vorangetrieben wird.
Fallbeispiel1: Internationaler Strafgerichtshof (IStGH) – Umstieg von Microsoft auf OpenDesk
Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) plant, seine bisher genutzte Microsoft-Arbeitsplatzsoftware durch das deutsche OpenDesk-Paket zu ersetzen. Mit dieser Umstellung will der IStGH digitale Souveränität stärken und die Abhängigkeit von US-Technologie reduzieren.
Grund für die Entscheidung: Der IStGH strebt eine souveräne Kontrolle über seine IT-Infrastruktur an. Die Nutzung europäischer Software soll gewährleisten, dass die Institution unabhängiger von kommerziellen Softwareanbietern und deren potenziellen geopolitischen Einflüssen agieren kann. Die Entscheidung ist Teil einer Strategie, die operative Handlungsfähigkeit langfristig zu sichern und Risiken externer Abhängigkeiten zu minimieren.
Der Fall zeigt exemplarisch: Auch international bedeutende Institutionen erkennen die Risiken der Abhängigkeit von kommerzieller Software. Digitale Souveränität wird damit nicht nur theoretisch, sondern praktisch relevant. Gleichzeitig bringt der Wechsel Herausforderungen mit sich: Migration bestehender Systeme, Schulungen der Mitarbeitenden und Anpassung an neue Arbeitsprozesse sind erforderlich. Quelle: Handelsblatt
Fallbeispiel 2: Europäische Verwaltungen reduzieren gezielt Abhängigkeiten
Auch mehrere europäische Behörden zeigen, dass der Weg zu mehr digitaler Souveränität möglich ist. So hat die Landesregierung in Schleswig-Holstein große Teile der Verwaltung auf LibreOffice umgestellt. In Österreich setzt das Bundesheer verstärkt auf datenkonforme Softwarelösungen, und in Frankreich prüfen Städte wie Lyon sowie die niederländische Regierung gezielt Alternativen zu US-Plattformen.
Der Grund ist klar: Europäische Verwaltungen wollen die Kontrolle über ihre Daten behalten und sich vor extraterritorialen Gesetzen wie dem US CLOUD Act schützen. Ähnliche nationale Regelungen gibt es etwa auch in China (Data Security Law / National Intelligence Law), die Behörden weitreichenden Zugriff auf Daten erlauben, unabhängig davon, wo sie gespeichert sind. Wer auf kontrollierbare, verlässliche Softwarelösungen setzt, schafft nicht nur mehr Transparenz, sondern auch eine Infrastruktur, die langfristig unabhängig, planbar und resilient ist.
Fallbeispiel 3: Europäische Verbraucherdaten bei internationalen Plattformen – fehlende Kontrolle über Datenflüsse
Ein aktueller Fall zeigt, wie schnell europäische Organisationen und Bürgerinnen ihre digitale Souveränität verlieren können, wenn internationale Plattformen Daten außerhalb der EU verarbeiten. Die Datenschutzorganisation NOYB hat Beschwerden gegen mehrere große Anbieter wie TikTok, AliExpress, SHEIN oder Temu eingereicht. Diese Unternehmen übertragen laut ihren eigenen Angaben – oder laut unvollständigen Auskünften – personenbezogene Daten europäischer Nutzerinnen in Drittländer, darunter auch nach China.
Das Problem: In Staaten mit weitreichenden nationalen Zugriffsrechten können Behörden auf Unternehmensdaten zugreifen, unabhängig davon, wo diese gespeichert sind. Für europäische Nutzer*innen entsteht dadurch ein strukturelles Kontroll- und Transparenzdefizit. In der Praxis bedeutet das: Weder Unternehmen noch öffentliche Stellen können sicherstellen, wer tatsächlich Zugriff auf die Daten hat oder unter welchen Bedingungen dieser Zugriff erfolgt.
Der Fall verdeutlicht, wie eng Datenschutz, regulatorische Anforderungen und digitale Abhängigkeit miteinander verknüpft sind. Wenn zentrale Plattformen nicht eindeutig offenlegen, wie und wo Daten verarbeitet werden, entsteht für europäische Organisationen ein erhebliches Risiko – sowohl sicherheitstechnisch als auch compliance-relevant. Quelle: TikTok, AliExpress & Co liefern europäische Daten an China aus
Resumee:
Europa arbeitet an immer mehr souveränen Alternativen – von spezialisierten Softwarelösungen über Sicherheitsplattformen bis hin zu staatlich geförderten IT-Infrastrukturen. Gleichzeitig bleibt die Realität für viele Unternehmen und Behörden, dass die Abhängigkeit von globalen IT-Anbietern weiterhin hoch ist.
Digitale Souveränität ist daher kein theoretisches Ziel mehr, sondern eine dringende unternehmerische Aufgabe: Risiken erkennen, Abhängigkeiten reduzieren und die eigene digitale Infrastruktur so gestalten, dass sie langfristig unabhängig, compliant und widerstandsfähig bleibt
Herzlichst,
Ihre TWINSOFT